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Stopp, sei nicht so brav

Stopp, sei nicht so brav

Neulich saß ich alleine in einem Restaurant und wartete auf einen Freund. Da ich wusste, dass er gerne etwas zu spät kommt, hatte ich mir schon einmal einen frischen Pfefferminztee bestellt und mein mitgebrachtes Buch geöffnet. Ich tauchte in Hermann Hesse’s Siddhartha ein und begab mich auf die phantastische Reise einer Selbstbefreiung. Ich kam nicht weit. Immer wieder wurde meine Aufmerksamkeit durch das Pärchen am Nachbartisch abgelenkt. Nach mehrfachen Versuchen, auf Siddharta’s Pfad zurückzukehren, gab ich das Unterfangen schließlich auf und widmete mich, unter dem Deckmäntelchen des Lesenden, nun mit voller Aufmerksamkeit dem Gespräch am Nachbartisch hin.

Was anfangs wie eine nette Plauderei daher kam, wandelte sich vor meinen Ohren zunehmend in ein Verhör. Irgendetwas hatte die Frau gesagt oder getan, was seine Missgunst auf den Platz rief. Mit bohrenden, angreifenden Fragen traktierte er die Frau. Und sie? Sie reagierte immer wieder höfflich, versuchte sich zu erklären – wo es eigentlich nichts zu erklären gab. Wieso hast Du Dich mit ihm getroffen? Du weißt doch, dass ich so schnell eifersüchtig bin. Wieso tust Du mir das an? Worüber habt ihr denn so lange gesprochen? Immer und immer wieder droschen seine Fragen auf sie ein. Und sie? Sie bliebt nett und brav.

Am liebsten wäre ich aufgesprungen, an den Tisch getreten und hätte laut gerufen: „Gute Frau, STOPP. Sei doch nicht so brav! Er überschreitet hier Deine Grenze.“ Aber hatte ich hier einen Erziehungsauftrag? Nein. Waren wir in einer Coaching-Session? Nein. Also durchatmen und hoffen, dass die Frau einmal einen anderen Weg (oder Mann) finden wird.

Warum sind viele von uns denn immer so nett und brav, obwohl ihnen massiv auf die Füße getreten wird? Warum haben viele von uns in solchen Momenten das Gefühl, sie müssen sich rechtfertigen? Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich mit meinen Kindern bei meinen Eltern war. Oftmals kamen Fragen auf wie: „Können sie schon dies oder das? Und warum nicht? In dem Altern sollten sie das aber schon drauf haben!“ Oh ja, damit war ich dann ebenfalls wieder 5 Jahre alt und versucht zu erklären, warum ich mal wieder nur eine 3 in Mathe geschrieben hatte. Oder warum ich nicht pünktlich vom spielen nach Hause gekommen war. Ja, in solchen Momenten sind wir dann wieder 5 Jahre alt und wollen nur zwei Sachen: 1. Heile aus der Sache heraus kommen und 2. dass mich die Eltern, trotz meiner massiven, offensichtlichen Fehler, lieb haben – bis zum Mond und wieder zurück.

Nun mag das für einen fünfjährigen eine wichtige Überlebensstrategie gewesen sein. Absolut richtig und wichtig. Aber heute sind wir nicht mehr 5 Jahre alt. Wir sind erwachsen und können auf andere Strategien zurückgreifen.

Hier ist es sehr spannend einmal in den Bereich der Kommunikation einzutauchen. Stella Damm hat dazu in ihrem Blog (http://www.solebenwieichwill.com/blog/schlagfertige-antworten-dreiste-fragen/) einen tollen Artikel geschrieben, wie wir auf dreiste Fragen reagieren können.

Wir können uns zum einen tatsächlich rechtfertigen. Mehr im Sinne von Aufklären und Informieren. Weil der Mensch, der fragt, mir nahe steht und ich seine Neugierde befriedigen möchte. Oder weil es in einer Situation auf der Sachebene dienlich ist.

Es gibt aber auch die Momente, in denen passt das gar nicht. Da kommen die Fragen in einem herablassenden Ton, da geht’s mehr darum mich bloßzustellen oder in meine Privatsphäre einzudringen. Und das ist der Moment, wo brav sein die falsche Wahl ist. Stattdessen ist es gut für das eigene Seelenheil, hier Grenzen zu setzen.

Das kann auch in aller Stille passieren. Keine Antwort zu geben, ist eine gültige Reaktion auf eine Frage. Einfach ein paar Minuten Stille aushalten. Den andere nur anschauen und vielleicht den Kopf leicht schieflegen oder schütteln. Ein empathisches Gegenüber merkt dann recht schnell: Ups, hier bin ich übers Ziel geschossen!

Eine weitere Möglichkeit ist es, Klarheit in die Situation zu bringen. Zum einen darüber, dass hier eine Grenze überschritten wurde und zum anderen den Raum für die Chance zu öffnen, dass der Fragende ohne Gesichtsverlust zurückrudern kann.

  • Das ist eine sehr private Frage.
  • Das möchte ich nicht beantworten.
  • Das erzähl ich mal, wenn wir uns länger kennen.
  • Das ist aber eine sehr persönliche Frage. (Das „aber“ ist leicht vorwurfsvoll. Es bringt den anderen dazu, sich zu erklären bzw. zurückzurudern.)

Diese Strategie eignet sich dann, wenn man mit dem anderen noch länger zu tun haben möchte und nicht will, dass man böse auseinander geht.

Oder man stellt eine inhaltliche Gegenfrage. Dadurch ergibt sich die Möglichkeit zu erfahren, was der andere genau wissen will bzw. warum das für ihn wichtig ist. Somit eröffnet sich der Raum für einen echten Dialog. Zudem entstresst es, da der „Ball“ wieder zum Fragenden zurückgeworfen wird.

  • Was möchtest Du genau wissen?
  • Was genau interessiert Dich daran?
  • Was meinst Du mit …?

Sehr hilfreich ist auch, auf die Meta-Ebene zu wechseln. Dadurch spricht man über das Gespräch und die Situation, statt über den Inhalt des Gesprächs, da dieser häufig emotionsbelasstet ist.

  • Inwiefern hilft Dir die Antwort auf diese Frage weiter?
  • Willst Du nur Deine Neugierde befriedigen oder steckt etwas anderes hinter der Frage?
  • Warum sollte ich so eine persönliche Frage beantworten?

Weitere Strategien sind spielerische Gegenfragen, absurde Antworten, bissige Antworten, minimalistische Antworten oder den Fragenden mit dem „Too much information (TMI)“-Ansatz totzureden. Unter http://www.solebenwieichwill.com/blog/schlagfertige-antworten-dreiste-fragen/ werden diese Strategien, mit vielen schönen detaillierten Beispielen, erklärt.

Einfach öfter einmal anhalten, wenn wir merken, dass wir beginnen uns zu rechtfertigen bzw. eigentlich nicht antworten wollen. Ich lasse vor meinen Augen dann immer ein großes Stoppschild auftauchen. Immer – mmh, nein nicht immer. Aber immer öfter. Das ist ein Prozess, dass funktioniert nicht sofort, dass braucht Zeit. Wichtig ist das Ziel im Auge zu behalten: bei mir zu bleiben und sich ggf. mich abzugrenzen. Anthony Robbins formuliert einen ähnlichen Gedanken: „Kein Mensch hat irgendeine Macht über mich, außer der, die ich ihm gebe.“ Es ist also meine Entscheidung, was ich zulasse. Und es ist ok, wenn ich dabei auch einmal danebenliege.

Für die Frau am Nachbartisch hätte ich mir gewünscht, sie wäre nicht mehr brav geblieben, hätte den Mann eine Weile schweigend, mit leichtem Kopfschütteln angesehen und dann gesagt: „Willst Du nur Deine Neugierde befriedigen oder steckt etwas anderes hinter der Frage?“

Gruß & Sonne

Dein Mo

 

Photo (oben): von melodiustenor (1438603 auf pixabay)

Geschrieben von : MoNitschke


Marc O. Nitschke
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