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Perfekt unperfekt – nie wieder perfekt

Perfekt unperfekt – nie wieder perfekt

Vor zwei Tagen war ich einkaufen. Schon seit längerer Zeit nutze ich eine Einkaufsliste auf meinem Smartphone, um einigermaßen das nach Hause zu bringen, was ich auch benötige. Wobei es mir immer wieder gelingt, dass ich genau den Artikel, weshalb ich eigentlich zum Einkaufen losgegangen bin, dann doch vergessen habe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vertieft in meine Einkaufsliste ging ich durch die Gänge, als meine Konzentration durch das Gezeter einer Mutter unterbrochen wurde. Die Mutter wies gerade ihre 13 jährige Tochter zurecht. „Fräulein, du glaubst wohl, dass du dir hier etwas wünschen kannst!?. Da kommst du nur mit einer 3 in Englisch nach Hause und meinst auch noch, Wünsche äußern zu können? Stell dich erst einmal ganz hinten an und erledige Deine Pflicht, bevor du hier etwas zu melden hast!“ Das hatte gesessen. Das Mädchen schaute seine Mutter mit großen Augen an und löste sich quasi vor mir in Luft auf.

Müssen wir perfekt funktionieren und Erwartungen erfüllen, bevor wir Wünsche äußern dürfen? Ist unsere Funktionalität an ein Belohnungssystem gebunden? Welche Erwartungshaltungen haben wir aus unserer Erziehung mitbekommen? Und folgen wir diesen unbewusst? Welche Bilder beeinflussen damit heute unser Verhalten?

Durch das, was wir von unseren Eltern mitbekommen haben, entwickeln sich innere Antreiber – frei nach dem Motto: „Wenn Du Dich so verhältst, dann bist Du ein gutes Kind“. Und wollten wir nicht alle gute Kinder sein? Im Rahmen der Transaktionsanalyse entwickelte Taibi Kahler 1975 das Konzept der inneren Antreiber, in denen er 5 Antreiber aufführte.

•    Sei immer perfekt!
•    Sei (anderen) immer gefällig!
•    Streng Dich immer an!
•    Sei immer stark!
•    Beeil Dich immer!

(Wer seine Antreiber kennen lernen möchte, der findet unter https://lauraburckhardt.de/test/antreibertest/ einen wunderbaren Online-Test mit Auswertung.)

Heute gehe ich nur auf den ersten Antreiber „Sei immer perfekt!“ ein

Menschen mit dieser Haltung stehen unter dem Druck, alles gründlich zu machen. Sie bemühen sich um Perfektion - ohne Rücksicht des Aufwands auf Zeit und Kosten. Über eine fehlerfreie Leistung erhoffen sie sich die Anerkennung, nach der sie sich sehnen. Sie rechtfertigen sich häufig und sabotieren sich gerne durch Ergänzungen, Kritik und ähnliche Negativitäten.

Die positive Absicht des Antreibers ist die Genauigkeit und die Fehlerlosigkeit. Es gibt Bereiche und Aufgaben, wo dies extrem wichtig ist (z.B. für einen Piloten eines Flugzeugs, für einen Statiker bei der Tragkraftberechnung eines Hauses, etc.). Aber es gibt unendlich viele Bereiche, wo Perfektion nicht zwingend notwendig ist oder sogar hinderlich. Dennoch liefern wir auch hier ein möglichst perfektes Ergebnis ab. Wenn wir also diesen Antreiber mit einer starken Ausprägung in uns haben, dann haben wir hohe Erwartungen an uns und das führt häufig zu Stress. So sitzen wir schon mal bis Nachts um 2 Uhr an einer Präsentation. Es fällt uns immer noch etwas auf, was wir besser machen können oder (schlimmstenfalls) wird es zum beherrschendem Lebensgefühl (wenn auch in unpassenden Situationen einen Anspruch auf 100%ige Erfüllung besteht). Es ist noch nicht gut genug. Daraus wird leider dann sehr schnell ein „ICH bin nicht gut genug!“ und das kann dann bis in den Burnout führen.

Aber wie kommen wir aus diesem Teufelskreis raus? Oder wie können wir die positiven Aspekte für uns nutzen? Es hilft ins Selbstmitgefühl zu gehen -  statt die Antreiber grundsätzlich zu verdammen, die positiven Seiten zu erkennen und anzunehmen: Wo und wie nutzen sie mir, für das was ich gerade tue? Wenn es hilfreich ist und passt – prima!

Wenn ich aber zwanghaft nach dem Antreiber agieren, z.B. es stört mich ein ungemachtes Bett oder umher stehendes Geschirr und ich muss dann unbedingt auf- oder wegräumen, dann helfen sogenannten Erlaubersätze. Damit mildern wir den inneren Antreiber.
Hier ein paar Beispiele für den Antreiber „Sei immer perfekt!“:

•    Ich darf die 80:20 Regel* anwenden (Auch 80% sind ausreichend)
•    Ich darf einen Punkt machen, gut ist gut genug (und die Sache so stehen lassen)
•    Ich darf Fehler machen und aus ihnen lernen (Das ist die Basis für Weiterentwicklung)
•    Ich darf auch Fehler machen und bin trotzdem wertvoll (Selbstmitgefühl stärken)
•    Ich bin gut genug (Ich bin gut so wie ich bin)
•    Ich bin genau deswegen liebenswert, weil ich so bin, wie ich
•    Ich darf individuell sein, das macht mich zu dem Einzigartigem/ Einzigartigen (wären wir alle perfekt, wären wir identisch und alle Menschen wären langweilig)

(* https://de.wikipedia.org/wiki/Paretoprinzip)

Also einfach inne halten, ein paar tiefe Atemzüge nehmen und sich dann einen oder mehrere Erlaubersätze vorsagen – entweder im Kopf oder besser noch laut. (Springt dabei das „Kopfkino“ an und meldet sich der Antreiber negativ, hilft es für die nächst 2-5 Atemzüge sich bewusst auf die eigene Atmung zu konzentrieren und dann die Erlaubersätze zu wiederholen.)

Mit kleinem Aufwand, aber großer Wirkung kann ich mir auch kleine Zettel mit Erlaubersätzen schreiben (z.B. Post It’s) und diese an markanten Stellen in der Wohnung verteilen, z.B. im Flur am Spiegel, am Spiegel im Bad oder auch im Auto. Wenn ich dann vorbeikomme, lese ich sie einfach laut vor. So ankere ich sie mir präventiv. Und welcher Satz ist der stärkste? Hier hilft einfach ausprobieren. Zum Glück sind wir individuell und daher sprechen die Sätze uns unterschiedlich stark an. Finde es heraus, welches DEINE Erlaubersätze sind.

In diesem Sinne entstand mein Mantra: Perfekt unperfekt. Das Sein, was man ist mit allen Ecken und Kanten und im Laufe des Lebens auch mit mehr Falten – vollkommen unvollkommen. Zu meiner vermeintlichen Unvollkommenheit stehen. In der Schule begleitete mich lange Zeit die Einstufung einer Lese-/ Rechtschreibschwäche. Dies hatte auch Auswirkungen auf meine berufliche Tätigkeit als Berater und Trainer – jedes Mal bekam ich Schweißausbrüche, wenn ich vor Publikum etwas an das Flipchart schrieb oder mit dem Beamer live an die Wand visualisierte. Als ich offen damit umging und jeden ermutigte mich zu korrigieren, verbannte ich den Stress. Daher schreibe ich meinen Blog auch ohne Lektorat. Ich freue mich auf Deine Korrekturen ;-) Perfekt unperfekt – nie wieder perfekt!

Das Konzept der Inneren Antreiber und der Umgang mit ihnen ist Bestandteil des MORE|OPEN Curriculums.
Die neue Terminserie 2019/2020 findest Du hier.

Gruß & Sonne
Dein Mo

Photo (oben): von MoNitschke_perfekt_unperfekt

Geschrieben von : MoNitschke


Marc O. Nitschke
0221-34660210
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